Ernst Cran – Reformationstag 2015: Ein Rückblick. Samstag, 31. Oktober 2020: Reformationstag. Dieses Datum ist für mich Gelegenheit für einen kleinen persönlichen Rückblick: Heute vor 5 Jahren – auch das war ein Samstag – habe ich bei PEGIDA Nürnberg zum ersten Mal öffentlich in ein politisches Mikrofon gesprochen. Ich war damals schon über ein Dutzend Jahre lang freiberuflich als konfessionsfreier Theologe tätig, primär im Bereich Trauerreden. Meine Tätigkeit war erfolgreich und auch durchaus umsatzstark. Belobigungen im öffentlichen Raum – auch durch Presse und andere Medien – waren beständige Begleiter. Nun habe ich also dann – unter dem Eindruck der damals erfolgenden rechtswidrigen Preisgabe unseres Landes und seiner Grenzen – das politische Wort ergriffen. Eine ReforNation mahnte ich an, eine Reformation unserer Nation. Dieser Rede folgten weitere – bei PEGIDA in Franken und auch in Dresden. Drei Monate später hatte die örtliche und bald auch die überregionale Presse Wind von meiner PEGIDA-Präsenz bekommen. „Vom Bassisten zum Rassisten“ wurde da getitelt – in Anspielung auf meine musikalische Laufbahn. Wiederum 3 Monate später war meine berufliche Existenz vernichtet, nach weiteren 3 Monaten dann auch meine wirtschaftliche – auch ein Standortwechsel von Franken nach Oberbayern zeitigte keine neue Thermik. Im September kollabierte die Gesundheit – körperlich wie seelisch. Das kleine Zauberwort „Hilfe“ war das Letzte, was ich noch hatte. Es folgten in 3 Etappen insgesamt 21 Wochen in klinischer Umgebung, flankiert von zweieinhalb Jahren ambulanter Begleitung. Es folgte die Einsicht und gesundheitsbedingte Erkenntnis: Rente statt versuchter beruflicher Neuanfang. Ein Befreiungsschlag sei das vor 5 Jahren gewesen, wurde mir einmal gesagt. Ja, ich wurde dadurch von vielem und von vielen befreit. Und ja, ich habe mich dadurch von vielem und vielen befreit. Heute bin ich freier denn je. Eine Metamorphose habe ich durchlaufen – und es war nicht die erste, sonst nämlich würde ich bis dahin noch das pfäffische Lügenmäntelchen namens „Talar“ getragen und meine Reden mit „Amen“ statt dem „Lied der Deutschen“ beendet haben. Eine Metamorphose habe ich mir dadurch ins Leben geholt – eine Häutung, eine Klärung, eine Läuterung. Weggeschmolzen ist alles, was Tieferem hinderlich und im Wege war – einschließlich meines Pkws: Der ist im September 2018 auf dem Rückweg von einer politischen Kundgebung auf der Autobahn an einem dort liegengebliebenen Anhänger zerschellt. Weniger ist mehr – das habe ich in den letzten 5 Jahren erfahren. Weniger Haben bedeutet womöglich mehr Sein. Weniger Haben bedeutet mehr Raum – und Raum ist ein Synonym für Freiheit. Raum ermöglicht Bewegung, Erkunden und Erforschen. Raum bedeutet die Möglichkeit zur Gestaltung, zur Formgebung, zur Bestückung, zum Säen und Pflanzen. Raum heißt: Platz haben für Begegnung mit Passendem und Passenden. Raum bedeutet Reichtum und Fülle – jenseits aller monetären und materiellen Aspekte. Luther ist nach wie vor mein grober Freund. Er hat Deutschland geeint wie kein anderer. Und er hat Deutschland gespalten wie kein anderer. In dieser Polarität leben wir bis heute. Die Deutschen sind ein „sowohl als auch“-Volk, hat Björn Höcke einmal geschrieben. Darin liegt unsere Tragik. Doch darin liegt auch unsere Überlebensgarantie. Totschlagen kann man nämlich immer nur das eine davon – und schon leben wir in dem anderen weiter. Vernichten und ausreißen kann man immer nur den einen Aspekt – und schon wurzelt und keimt der andere wieder. Doch der Preis dafür ist hoch: Er liegt im ständigen Kampf mit denen, denen wir nicht geheuer sind, die sich vor unserem Sosein ängstigen, weil sich an ihm ihre eigene Verderbtheit offenbart. Diese Verderbtheit wird auch am heutigen Datum offenkundig: „Halloween“ schimpft man neuerdings diesen Tag – welch eine enddekadente Entstellung des hohen spirituellen Gutes, das im Kontakt mit den Ahnen liegt. Und ich? „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn. Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.“ Diese Worte schrieb Rainer Maria Rilke am 20. September 1899 – dem Datum nach genau 117 Jahre vor meinem gesundheitlichen Kollaps 2016. Und ich? Womöglich bin ich alles 3: Ein singender Sturm, ein stürmender Jäger, eine kreisende, schwebende, beobachtende Melodie. Womöglich ist die Beute für den Falken dasselbe wie das Erringen der Wahrheit für die Seele. Womöglich wandeln sich lediglich die Formen des immergleichen Inhalts: Metamorphose – oder Reformation.