Ursula, schreib doch bitte einmal, wie das Leben in einer Zelle aussieht. Wie es Dir geht, was Du am meisten vermißt. Also gut, ich schreibe jetzt vom Zellenleben, aber vergeßt nicht, es handelt sich um mein Erleben, andere erleben es sicher oft anders.

Mir geht es gut, so gesund, wie mit fast 92 möglich. Dankbar für viele freundliche, höfliche, hilfsbereite Menschen, die in der Regel ein halbes Jahrhundert jünger sind als ich. Die älteste Inhaftierte der Welt! So wird behauptet. Irgendwas muß der Mensch schließlich sein!

Als ich mit Agraringenieuren – zuvor Bauern genannt – mit der Giftspritze hinter dem Traktor und den Agrarpolitikern nach der Methode „Wachse oder Weiche“ über den ökologischen Landbau verhandelte, da lagen sie noch mit Einwegpanties im Kinderwagen – noch nicht „Selbstfahrer“ – und das bis heute nicht, aber immerhin, keine Windelwäscherei mehr.

Da muß es ja Verständigungsschwierigkeiten geben. Das ist doch klar. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist Kochen und Backen, meine Lesen und Nachdenken.

Mit mir zu sprechen, erfuhr ich sehr bald von einer noch zumindest phantasiebegabten Gewalttätigen: „Mit Ihnen zu sprechen, das ist mir zu anstrengend!“ – „Anstrengend?“, fragte ich ganz verblüfft. „Ja, da muß man immer denken und da hab ich keine Lust zu, das ist anstrengend.“

Zu Beginn kam die in der Bibliothek arbeitende – also nicht denkunwillige – mit einer zweiten Frau und fragte: „Sie oder Du?“ – Ich zögerte einen Augenblick und sagte „Sie“. In Ordnung, und sie zogen wieder ab. Die Mitgefangenen werden von allen Beamten mit Namen, „Frau“ und „Sie“ angesprochen, und das mache ich auch so. Das war meine erste Lehrstunde. Ob „bestanden“‚ das weiß ich nicht, aber ich vermute: ja.

Damals, 1940, gab es auf dem Land, im Osten jedenfalls, kein Müllproblem. Wir sammelten alles, für vieles galt „aus alt mach neu“. Hier in dem Gefängnis gibt es Müll überall, obgleich wir zum Beispiel in der Küche vier Behälter stehen haben: Bio, Restmüll, Plastik, Papier, so steht es groß an der Wand darüber. Müll muß also sortiert werden. Das klingt einfach, doch schon kommen die Probleme: Wohin mit dem Plastikbehälter mit dem zu alten Quark? Herausnehmen und zum Bio-Eimer und dann Plastik zu Plastik, das ist offenbar für viele zu hoch, oder „Denken ist anstrengend“ – oder Faulheit.

Es gibt drei Kategorien von Haft: Untersuchungshaft, normale Haftstrafe (den ganzen Tag eingeschlossen in der Zelle) und gelockerten Vollzug. Bei mir sind es14 Inhaftierte in einem Groß-Eßraum mit langem Eßtisch für alle, von dem alle Türen abgehen zu den Zellen, einem Fernsehraum mit Sofa, Sitzecken, Kaffeemaschine, Bügelbrett + -Eisen und Fernsehen usw. Vor allem auch viele Spiele. Das ist im gelockerten Vollzug so.

Es wird wirklich viel für die Häftlinge getan, sie können alles Mögliche beantragen – jetzt nur durch Corona mehr oder weniger eingeschränkt, wie ja auch schon seit zwei vollen Monaten kein Besuch mehr.

2x im Monat gibt es aber jetzt Einkauf von Obst, Honig, Butter, Käse, Eier usw. Dazu Vegan-Ernährung und vor allem türkische Spezialitäten, die auch einen großen Teil des Mittagessens ausmachen, doch man kann sich ja etwas anderes machen. Die Küche bietet viele Geräte, sogar ein elektrisches Waffeleisen.

Es gibt ein „Frauencafé“ (1x in 14 Tagen), Sprachunterricht, Sport und psychologische Betreuung, und ein großes Sommer- und Herbstfest. Die meisten haben Fernsehen in der Zelle, was bezahlt werden muß, wie auch die vierzehntägige Privatwäsche, die wir benutzen, Winter- und Sommerwechsel ist erlaubt.

Ich bin inzwischen für Verschiedenes Ansprechpartner der Inhaftierten, und habe Verschiedene, die sich mir anschließen beim einstündigen Freigang im hübsch angelegten Gelände mit großem und kleinem Rundweg, mit einem Seerosenteich, die leuchtend gelb blühen, Bänke in Sonne oder Schatten und einem gepflasterten Platz mit Netz zum Ballspielen. Alles zum Frühjahr von den Gartenarbeiterinnen mit Blumen bepflanzt. Von Essensausgabe bis zu Wäsche und Hausputz wird alles selbst gemacht, aber immer in Begleitung einer Mitarbeiterin der „Justiz“.

Mir ist meine Zeit zu schade zum Kochen – vom Gebackenen bekomme ich sehr oft Kostproben.

Am Nikolaustag stand ein großer Schokoladenweihnachtsmann vor der Zellentür, und ab Advent ein Weihnachtsbaum, geschmückt von der Häftlingsgruppe Hausputz. Es gibt jeden Sonntag Gottesdienst, katholisch + evangelisch gemeinsam.

Alle 14 Tage wird frische Bettwäsche reingereicht, dazu Handtücher, Aufnehmer etc. Meine Zelle wurde, besonders nach einem sehr ungemütlichen Sturz, altersgemäß ausgerüstet. auch die gegenüberliegende Dusche. Ich erhalte die interessantesten Briefe aus der ganzen Welt, werde um Beiträge gebeten und bin immer froh, wenn von Freitag nachmittag bis Montag früh wir alle eingeschlossen sind und nur Frühstücks- und Mittagsstörung haben.

So sieht es aus, wenn man erkannt hat, daß weder der Tag noch die Arbeit ein Vorzeichen haben, alles ist völlig wertneutral. Ich setze das Vorzeichen. Das erkläre ich auch hier, wenn gefragt wird, wieso ich immer so heiter bin.

Es liegt in meiner Hand, ob ich eine notwendige Arbeit lustlos brummend oder mit Freude und Spaß bei der Sache mache. Es gibt eigentlich nichts, was im Laufe eines Tages nicht auch ein wenig Komik hat, was zum Lachen führt. Besonders komisch war meine Seerosenteicherrettung, das ganze Gefängnis war voller Lachen. [Ursula ist vor einigen Monaten während der Freistunde in einen Seerosenteich gestürzt, hatte sich dabei aber glücklicherweise keine Verletzungen zugezogen. Sie wurde sofort von mehreren Wärtern und Mitinsassinnen aus dem Wasser gezogen. – Anm. d. Schriftleitung.]

Natürlich werde ich jetzt langsam älter, höre, sehe, spreche schlechter, bin oft müde und nicht mehr so entschlußfreudig.

Doch gleichzeitig fühle ich mich getragen von so unendlich vielen Menschen aus der ganzen Welt, die verstärkt schreiben: „Halte durch‚ Du wirst bald frei, es ist überall so viel Bewegung, wir beten für Dich.“ Gerade gestern erhielt ich zwei sehr nachdenklich machende Briefe aus Québec (Kanada) und aus Neuseeland.

Also es bleibt dabei:

Froh zu sein bedarf es wenig,
und wer froh ist, ist ein König!

Eure Ursula