Freiheit war gestern. Was nun kommt, ist der wohlwollende, allumsorgende Corona-Staat

Der gesundheitspolitische Imperativ zerstört das bürgerliche Leben, das auf dem Schutz von Freiheit, Familie und Eigentum beruht. Die Bürger dürfen sich stattdessen an einer neuen Staatsreligion erfreuen, die weltliche Gesetze durch spirituelle Gebote ersetzt.

Wenn einer Monarchie die Monarchen ausgehen, ist das lustig. Aber wenn einer Demokratie die Demokraten ausgehen, ist das beunruhigend. Wir träumen einen bizarren, psychedelischen Traum und warten darauf, wachgeküsst zu werden.

Was haben wir verloren? Ich habe in meinem Bekanntenkreis gefragt, was Freiheit sei – die Antworten füllen Poesiealben. Wer nicht weiss, was verloren gegangen ist, wird es auch nicht wiederfinden.

Oft hörte ich den Satz «Die Freiheit endet dort, wo die Freiheit der anderen beginnt». Aber auf die Frage, wo die Freiheit der anderen beginne, erhielt ich keine vernünftige Antwort. Je nach persönlicher Präferenz begann sie beim Klima, bei der autofreien Zone, der Selbstverwirklichung, der Gesundheit oder der Abwesenheit von materiellen und anderen Nöten.

Das alles sagt viel aus über Partikularinteressen und Modeströmungen, aber nichts über die Freiheit.

Das Wesen der Freiheit

Das Adjektiv frei geht auf die indogermanische Wurzel prāi- zurück, was schützen, schonen, lieben bedeutet. Hinter dem Wort Freiheit steckt also nicht die Bedeutung «machen, was man will». Im Duden ist zwar durchaus die Definition «Handeln nach eigenem Gutdünken ohne Rücksicht auf andere» zu finden, allerdings steht sie für Willkür. Der Begriff Willkür verbindet Wille mit Kür, einem mittelhochdeutschen Wort für «Wahl». Das entspricht einer inhaltlichen Verdoppelung des Wollens und bedeutet Rücksichtslosigkeit. Die Willkür ist das Gegenteil von Freiheit.

Deshalb bringt Anarchie keine Freiheit. Anarchie bedeutet zwar nicht Gesetzlosigkeit, sondern Herrschaftslosigkeit. Anarchisten propagieren ihre Idee als Experimentierfeld für Gemeinschaften, die ihre Regeln in losen, informellen Gruppen unabhängig voneinander selber definieren. Der Haken daran ist aber gerade die Abwesenheit allgemeinverbindlicher Regeln. Wo solche fehlen, herrscht faktisch Gesetzlosigkeit.

Warum empfinden wir die Gesetzlosigkeit nicht als Freiheit? Weil die Gesetzlosigkeit ein Gesetz kennt: das Gesetz des Stärkeren. Das heisst, man ist der Willkür ausgesetzt. Denn auch jeder Starke begegnet früher oder später einem noch Stärkeren.

Alle Starken einzusperren, wäre absurd, denn damit würde man nicht nur die vermeintlich Starken ihrer Freiheit berauben, sondern man müsste im Endeffekt alle einsperren, da auch jeder Schwache im Auge des noch Schwächeren ein Starker ist. Die Starken ihrer Freiheit zu berauben, fördert nicht die Freiheit anderer, sondern führt zur Unterdrückung aller. Die willkürliche Erlassung und Anwendung von Gesetzen führt von der Anarchie zum Totalitarismus. Der Zustand der Freiheit muss irgendwo dazwischenliegen.

Freiheit muss von der Wortbedeutung her Schutz gewähren, Schonung garantieren und Liebe ermöglichen. Aber auf die Frage, welche Gesetze sich hierzu eignen, erhielt ich so viele Antworten, wie ich Leute fragte.

Zumindest herrschte Konsens darüber, dass Freiheit verbindlicher Gesetze bedürfe. Ich begab mich auf die Suche nach etwas zwischen Anarchie und Totalitarismus……………………..

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https://www.nzz.ch/feuilleton/coronavirus-die-freiheit-ist-vorbei-nun-kommt-der-corona-staat-ld.1552779